Geschichte
Plattdeutsch: Mundart auf dem Festplatz
An dreihundert Tagen im Jahr spricht niemand mehr Platt. An diesen fünf Tagen kommt es zurück, in Liedern, Namen und Anekdoten.
Niederdeutsch, umgangssprachlich Platt, ist im Alltag der meisten Regionen weitgehend aus dem Gebrauch verschwunden. An Festtagen kehrt es zurück, und zwar nicht als Vorführung, sondern als Gebrauchssprache: in Liedstrophen, in Spitznamen, in den Namen von Gerichten und in Anekdoten, die nur im Dialekt funktionieren, weil die Pointe an einem Wort hängt.
Dass ausgerechnet ein Fest eine Sprache trägt, ist kein Zufall. Feste wiederholen sich, sie haben feste Texte, und sie werden mündlich weitergegeben. Genau das braucht eine Mundart, um zu überleben.
Wo die Mundart sitzt
Man findet sie an vier Stellen: im Liederheft, auf der Speisekarte, in den Spitznamen der Gruppen und in den Geschichten, die am Tisch erzählt werden. In allen vier Fällen ist die Mundart kürzer und genauer als das Hochdeutsche, und deshalb hält sie sich.
Der klassische Fall ist die Anekdote über einen Handel, der vor dem Fest abgeschlossen wurde, damit das Geld fürs Feiern reicht. Solche Geschichten gibt es in vielen Landschaften, sie sind selten wörtlich wahr und beschreiben trotzdem präzise eine Wirtschaftslage: bare Mittel waren knapp, Vieh war Vermögen, und das Fest war die Ausnahme im Jahr, für die man Vermögen antastete.
Vier Orte, an denen Mundart überlebt
- Das Liederheft: meist eine einzige Strophe, unverändert nachgedruckt.
- Die Speisekarte: Namen von Gerichten, die niemand übersetzt.
- Die Spitznamen: für Gruppen, Lokale und einzelne Personen.
- Die Anekdote: die Pointe hängt an einem Wort und lässt sich nicht übertragen.
Schreiben, wie gesprochen wird
Wer Mundart aufschreibt, stößt sofort auf ein Problem: Es gibt für die meisten Varianten keine verbindliche Rechtschreibung. Dieselbe Lautfolge erscheint in drei Schreibweisen, je nachdem, wer sie notiert hat. Für Leserinnen und Leser ist das mühsam, für Sprachforschung ist es aufschlussreich, weil sich daran regionale Grenzen ablesen lassen.
Praktisch bewährt hat sich, den Text so zu schreiben, dass er beim lauten Lesen richtig klingt, und eine hochdeutsche Zeile darunterzusetzen. Wer nur die Mundart abdruckt, verliert die Hälfte der Leserschaft; wer nur übersetzt, verliert den Text.


Zwischen Pflege und Denkmal
Niederdeutsch ist in Deutschland als Regionalsprache nach der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt. Das sichert Förderprogramme, Unterrichtsangebote und Sendeplätze. Es ersetzt aber nicht den Gebrauch, und genau hier leisten Feste etwas, das Programme nicht können: Sie geben der Sprache eine Gelegenheit, in der sie natürlich klingt.
Wer Mundart bewusst pflegen will, sollte deshalb nicht beim Wörterbuch anfangen, sondern beim Anlass. Ein Lied, das jedes Jahr gesungen wird, trägt mehr Wörter über die Zeit als jede Sammlung. Wie solche Lieder aufgebaut sind, steht im Text über die Liederhefte und Festlieder.